Die drei Kugeln

Es war einmal ein König, der in einem großen Schloss auf einem hohen Berg lebte.
Tief unten in seinen Kellern lagerten große Reichtümer, Edelsteine, seltene Mineralien und Versteinerungen und unermesslich kostbarer Schmuck.
Sein wertvollster Besitz  aber waren drei Kugeln, eine aus purem Gold, eine zweite aus blau – schimmerndem Marmor und eine dritte aus dem dünnsten und feinsten Glas, das man je gesehen hatte.
 
Diese Kostbarkeiten wollte der König mit niemandem teilen und er nahm an, dass auch keiner unten im Dorf von seinem Reichtum wusste.
Aus Angst, dass man ihn bestehlen könnte, hütete er sich, auch nur ein Sterbenswörtchen von diesem wertvollen Gut zu erzählen.
Und weil er sich niemandem anvertraute und mit niemandem sprach, kam es, dass er sehr einsam wurde und dass die Menschen ihn als Sonderling bezeichneten, obwohl er doch ihr König war.
 
Darüber hinaus machte ihm das Verhalten der Kugeln zunehmend Probleme.
Zugegeben, diese drei einmaligen Stücke, die seine Vorfahren bei Raubzügen erbeutet hatten, waren unvergleichlich schön und unendlich vollkommen.
Aber sie entwickelten ein Eigenleben, indem sie zunehmend untereinander diskutierten, wer von ihnen wohl die schönste war, die edelste und die, welcher der König am meisten liebte.
In den langen Stunden, die der Herrscher in seiner innersten Schatzkammer zubrachte machte er sich Gedanken darüber, wo diese Kugeln wohl ihren Ursprung haben konnten. 
Manchmal, wenn der Disput der Drei in heftigen Streit ausartete, schien es ihm, als sei alle Bösartigkeit der Welt in ihrem Innersten angesiedelt und als könnten die exzentrischen Schönheiten nichts anderes, als böse und abweisend zu reagieren.
 
So behauptete die goldene Kugel, dass sie ihren Ursprung direkt im Licht der Sonne hätte, und dass ihre Strahlen so hell und gleißend seien, dass niemand ihr zu nahe kommen könnte, ohne sich zu verbrennen. Mit hoher, kreischender Stimme behauptete sie, dass ihr reines Gold im Feuer geläutert sei und mit keinem Schatz der Welt aufgewogen werden konnte. Sie schwebte geheimnisvoll auf einem Bett aus weißem Nebel, und begann bei diesem Worten, sich blitzschnell um sich selbst zu drehen, so dass der Glasschrank, in dem sie aufbewahrt wurde, zu vibrieren begann.
 
Darauf hin erklang aus der Vitrine nebenan ein dunkel – murmelnder Ton.
Die marmorne Kugel meldete sich zu Wort und teilte in ruhiger, gesetzter Sprache mit, dass sie niemals solchen Unsinn erzählen würde. Sie brauchte das auch nicht, denn sie sei sowieso die beste, schönste und wertvollste Kugel aller Zeiten.
Erhaben thronte sie auf einem vergoldeten Sockel und konnte sich keinen Millimeter bewegen, was sie überhaupt nicht zu stören schien.
Ihre Farbe, so behauptete sie, sei einmalig in der Kugelwelt, denn noch nie hatte man diese  Farbkombination auch nur irgendwo gesehen:  königsblau mit eingeschlossenen Goldadern.
 
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:
In der dritten Vitrine ruhte die gläserne Kugel auf einem Kissen aus rotem Samt und ihre Stimme glich einem feinen, leisen aber eindrucksvollen Glockenklang aus fernen Welten.
„Schämt euch, hier so ekelhaft herum zu tönen“ mahnte sie die beiden anderen und behauptete, dass der oberste Rang in der Kugelwelt natürlich ihr zustünde.
Perfekt geformt aus hauchdünnem Glas, schimmernd in allen Farben des Regenbogens, so als wäre sie als Träne direkt aus dem Himmel gekommen, so war sie fest von ihrem unermesslichen Wert überzeugt und wollte sich diesen Rang von niemandem streitig machen lassen.
 
Der alte König wurde immer trauriger und verfiel schließlich in eine tiefe Depression.
 
Die Kunde vom Besitzer der seltsamen Kugeln gelangte schließlich doch nach draußen und so bekam er eines Tages Besuch von einem alten, weisen Mann, der in Begleitung eines Kindes bei ihm anklopfte.
Schnell fasste der einsame Herrscher Vertrauen zu seinen Besuchern, denn sie strahlten Güte, Freude und Frieden aus.
Der kleine Junge zog aus seiner Hosentasche eine Metallröhre und sagte mit einem Lächeln zum König: „das schenke ich dir“.
Er zeigte ihm, wie man aus einer unscheinbaren Flüssigkeit durch einfaches Hineinpusten große, schillernde Blasen zaubern konnte.
Der einsame Monarch begann zu lachen und konnte gar nicht mehr aufhören, große und kleine Seifenblasen zu zaubern, die immer wieder zerplatzen.
 
„Siehst du“, eröffnete schließlich der weise Mann das Gespräch, „so einfach könnte es sein, dich aus Deiner Melancholie zu befreien und dir wieder zu einem guten Leben zu verhelfen.“
 
„Wie soll das gehen“, antwortete der König, „meine Schätze beschweren mich und mein Leben, aber ich brauche sie, um Sicherheit und Wohlstand zu haben.“
 
„Und wie ist es mit deiner Einsamkeit, wie ist es mit der Grabesstille hier in Deiner Burg, brauchst du das auch?“
 
„Das muss ich wohl in Kauf nehmen, das ist der Preis, den ich für meinen Reichtum bezahlen muss“, antwortete schließlich resigniert der Herrscher.
 
„Es gibt nur eine Lösung, die alle Deine Probleme hinweg wischt, nur einen Weg, den du gehen kannst, willst du in Frieden und mit Freude und Dankbarkeit deine letzten Jahre verbringen, du musst dich von allem trennen“, bekam er vom alten Mann zur Antwort.
 
Und so kam es, dass sich das Leben des Herrschers und seiner Untertanen von diesem Tag an völlig veränderte:
Die gläserne Kugel wurde mit dem roten Kissen an einen Sammler in einem Land am anderen Ende der Welt verkauft. Der neue Besitzer bezahlte eine so hohe Summe dafür, dass der König seinen gesamten Burghof umgestalten konnte und daraus einen großen, wunderschönen Park für die Bewohner des Dorfes machte. Besonders die Kinder hatten ihre Freude daran.
 
Es gab Bäume mit Baumhäusern, Büsche, wo man Verstecken spielen konnte und einen kleinen Fluss, auf dem Holzschiffchen in allen Farben fuhren.
Auf einer kleinen Insel im Fluss stand ein vergoldeter Sockel und darauf drehte sich eine blau – goldene Marmorkugel. Wenn man genau hinhörte, meinte man aus ihrem permanenten Murmeln heraus zu hören: „endlich eine passende Beschäftigung für mich“. Und vor lauter Freude drehte sie sich gleich ein wenig schneller.
An einer anderen Stelle des Parks stand ein Spielhaus, in dem die Kinder bei schlechtem Wetter alle Spiele der Welt miteinander spielen konnten.
Auf dem Dach des Hauses war ein Turm, in dem eine goldene Kugel von einem kleinen Hammer jede Viertelstunde angeschlagen wurde. Zur vollen Stunde ertönten nicht etwa – wie bei anderen Uhren  – Glockenschläge, sondern eine kreischende Stimme verkündete die jeweilige Zeit,
etwa so: „ Es is elf Uhr“.
Eine Besonderheit gab es morgens um neun, mittags um zwölf, nachmittags um drei und abends um sechs: da wurden aus einer Röhre neben der goldenen Kugel jeweils fünf Minuten lang die schönsten, größten und buntesten Seifenblasen heraus geblasen, die man sich vorstellen kann.
 
Der alte König schien nicht mehr älter zu werden, es war, als wäre für ihn die Zeit stehen geblieben.
Sein Dauergast, der alte, weise Mann ging oft mit ihm zusammen im Park spazieren und beide freuten sich an der Freude der Menschen und sie lachten gemeinsam mit den Kindern.
„Siehst du, sagte er eines Tages, „so einfach kann es sein, sein Leben zu verlängern und Freude zu haben“:
„Ja, du hast recht“, bekräftigte der König, „wenn man teilen kann, bekommt man viel mehr, als wenn man alles alleine behalten will.“
Und er hatte seine Schätze tief im Keller seiner Burg völlig vergessen, sie waren nicht mehr wichtig für ihn.
 
Viele, viele Jahre später besichtigten die neuen Besitzer des großen Anwesens die Gewölbe tief unten und fanden drei leere Vitrinen, in denen wohl einmal Schätze gelagert worden waren.
Sie brauchten sie nicht mehr und verschlossen die Keller fest.
Niemand hat all das je vermisst und so schlummert es wohl  noch heute hinter dicken Mauern und hölzernen, eisenbeschlagenen Türen, für die es keine Schlüssel mehr gibt.
(© Ingeborg Hamisch)

 
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