Für´s Herz


Für die herbstliche Jahreszeit ein orientalisches Märchen zu genießen bei Kerzenschein und Kaminfeuer.....



 

Meine Schätze


Es gibt eine Erzählung von einem alten, weisen Mann, der vor langer Zeit im Morgenland lebte....
 
Er hatte am Rande der großen Wüste eine kleine Hütte inmitten einer winzigen Oase.
Er war bescheiden und brauchte nicht viel für seinen Alltag.
Wasser spendete ihm ein nie versiegender Brunnen, er säte und erntete Getreide und Gemüse auf einem kleinen Feld und er aß von den köstlichen Datteln, die von den wenigen Palmen herunter fielen. Zwei Ziegen und zwei Schafe gaben ihm Milch und Wolle. 
Manchmal kam eine Karawane des Weges und er ließ sie an seinem Brunnen ausruhen
und erfrischen. Als Dank bekam er dafür ein Geldstück oder einen Beutel Gewürze.
"Was soll ich mit dem Geld?" fragte er dann jedes Mal und die Händler und die Reisenden wunderten sich, dass er ohne große Besitztümer so zufrieden lebte.
Einmal kam ein sehr wohlhabender Geschäftsmann mit seiner Kamelherde vorbei und setzte sich an seinen Brunnen. Sie kamen ins Gespräch und der Fremde jammerte und schimpfte, weil das Leitkamel lahmte. Er holte die Peitsche aus der Satteltasche und wollte das Tier züchtigen, doch der alte Mann hielt ihn davon ab und besah sich den linken Vorderhuf des Kamels.
"Schau", sagte er zum reichen Eigentümer des Tieres, "ganz tief im Fleisch steckt ein großer Dorn, deshalb kann Dein Tier nicht mehr richtig laufen, es hat ganz einfach Schmerzen." 
Hocherfreut wollte der Reisende ihm einen Beutel Goldstücke überreichen, aber der alte Mann lehnte ab. "Wie soll ich dich denn sonst für deine Dienste bezahlen?" fragte er.
"Sei achtsam mit dem, was dich umgibt, und suche immer erst die Ursache für ein Fehlverhalten", antwortete er. "Wenn du das beherzigst, ist es mir Lohn genug und du hast einen Schatz für dein Leben gefunden". Verwundert zog der Händler mit seiner Karawane weiter.
Ein anderes Mal, als er gerade seine Schafe und Ziegen streichelte,  hörte er schon von weitem, wie sich Menschen stritten. Rasch erkannt er, dass eine Frau und ein Mann mit einigen schwer bepackten Maultieren näher kamen. Sie zankten sich und beschimpften sich mit hässlichen Worten.
Eine Weile hörte ihnen der Alte zu, dann holte er zwei hölzerne Becher aus der Hütte und gab ihnen aus dem Brunnen zu trinken. "Wollt Ihr mir nicht die Ursache für Eure Streitereien verraten?" fragte er. Sie begannen sofort wieder, laut auf einander einzureden und keiner ließ den anderen richtig zu Wort kommen. Schließlich stellte sich heraus, dass sie sich nicht über den Preis ihrer Waren einig werden konnten, die sie ihren Lasttieren aufgepackt hatten. Sie wollten zum nächst gelegenen Markt und dort gute Geschäfte machen. Da die Frau neue Gewänder und Schmuck haben wollte, sollten die Sachen möglichst teuer verkauft werden. Der Mann meinte, man solle reell bleiben, und die Kundschaft nicht mit zu hohen Forderungen über den Tisch ziehen.
 
Der Alte schüttelte den Kopf, ging in seine Hütte und kam mit einem  Strick wieder heraus, der aus trockenen Halmen lose gedreht war. Er forderte die beiden auf, je ein Ende zu nehmen und zu versuchen, den Anderen auf seine Seite zu ziehen. Es kam, wie der weise Mann es erwartet hatte - jeder zog so heftig an seinem Ende, dass  das Seil in der Mitte riss. 
"Habt Ihr verstanden, was ich Euch damit sagen will?" fragte er die Streithähne. Die Beiden senkten erst die Köpfe, sahen sich dann in die Augen und fassten sich bei den Händen. "Was waren wir dumm, sagte der Mann" und seine Frau erwiderte:" wir sollten an einem Strang ziehen, wenn wir etwas erreichen wollen". 
Zum Dank wollten sie dem Einsiedler ein hübsches Kästchen aus verschiedenen Hölzern schenken, aber dieser lehnte ab und gab ihnen den guten Rat, diese Erkenntnis nie mehr in ihrem Leben zu vergessen!  Wieder nach einer Weile hielt eine Karawane mit Dromedaren an seiner bescheidenen Hütte an. Auf einem der Tiere war eine Art Thron zu sehen, mit einem Baldachin geschmückt und darunter saß ein unbeschreiblich dicker Mann. Er war in die prächtigsten Kleider gehüllt, die man sich denken kann und trug an jedem Finger einen Ring mit einem großen Edelstein. Er hatte ein rotes Gesicht und schwitzte so fürchterlich, dass er kaum atmen konnte.  Ein Diener klopfte an der Tür der Hütte und der alte, weise Mann besah sich das Schauspiel, das vor seinem Häuschen stattfand. 
"Mein Herr wünscht Euch zu sprechen", so sagte der Bedienstete und der Einsiedler wartete, bis ein ganzes Heer von Lakaien den furchtbar dicken Mann auf die Erde gebracht hatte.
"Guter Mann", so schnaufte er "man sagt, Ihr seid weise und wisst einen Rat gegen jedes Übel, helft mir! Ich kann kaum noch laufen, liege nur noch auf meinem prächtigen Diwan, habe zu Nichts mehr Lust und mein ganzes Leben ist eine einzige Last."  Der alte Mann machte kurzen Prozess und schickte die gesamte Dienerschaft samt den Tieren weiter und trug ihnen auf, nach drei Monaten wieder zu kommen und ihren Herrn abzuholen. Dem kranken Mann befahl er, einen einfachen Kittel anzuziehen und die Schafe und Ziegen zu beaufsichtigen. Am nächsten Tag musste er Datteln aufsammeln und die Hütte fegen. So hatte er jeden Tag Arbeit  für seinen Gast und er schickte ihn immer weitere Wege. Von Tag zu Tag ging es dem angeblichen Kranken besser und nach einigen Wochen hatte er wieder Freude am Leben. Als seine Diener zurückkamen, trauten sie ihren Augen nicht und nahmen einen gesunden, vor Kraft strotzenden Herrn im Empfang.
"Merke Dir", gab ihm der Weise zum Abschied mit: "Tue alles im rechten Maß, dann wirst Du gesund bleiben und lange leben!"
So ging die Zeit dahin und viele Menschen bekamen auf ihre Bitte hin einen klugen Rat vom weisen Alten. Eines Tages verbreitete sich die Kunde, dass der alte Mann wohl gestorben sein musste, denn niemand konnte ihn mehr besuchen und die kleine Oase samt der Hütte schien verwaist.
 
Sie nahmen untereinander Kontakt auf und erzählten sich von ihren Erlebnissen mit dem Einsiedler.
Einer fing an, alle klugen Ratschläge, alle weisen Sprüche aufzuschreiben und so entstand ein Schatz, den jeder von ihnen hütete und an seine Kinder und Kindeskinder weitergab.
Wenn heute jemand einem anderen etwas Gutes wünscht, dann muss dabei wohl ein kleiner Funke von der Menschenfreundlichkeit und Güte jenes alten Mannes im Spiel sein und wir alle sollten daran festhalten und seine Wünsche nicht vergessen.



 
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